Bushmills 1608 – ein Mythos

Die Geschichte einer traditionsreichen Whiskey Distillery


Wäre diese Brennerei im nordirischen Städtchen Bushmills tatsächlich schon 1608 gegründet worden, könnte sie wohl als älteste Whiskey Distillery Irlands bezeichnet werden. Dass sie offiziell erst 176 Jahre später den Betrieb aufnahm, mache die Geschichte der Old Bushmills Distillery aber nicht weniger interessant.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in: Der Whisky-Botschafter 02/2020

 

VON KARL RUDOLF

Karl Rudolf

Irreführend ist es auf jeden Fall, was auf dem Schild an einer der Außenwände zu lesen ist: „The Old Bushmills Distillery Co. Ltd“ steht in Versalien in der oberen Zeile und darunter, etwas kleiner, „Licensed to distil in 1608“. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass in zahlreichen schlampig recherchierten Artikeln zu lesen ist, die Old Bushmills Distillery sei 1608 gegründet worden oder habe zumindest in jenem Jahr eine Lizenz zum Whiskeybrennen erhalten. Beides stimmt nicht!

 

Offiziell gibt es die Bushmills Distillery (aber nicht die Old Bushmills Distillery) „erst“ seit dem Jahr 1784. Damals ließ der Landwirt Hugh Anderson seine Bushmills Whiskey Company registrieren. Neuland war das Brennen für den Gründer sicherlich nicht: Laut verschiedenen Aufzeichnungen soll Familie Anderson hier bereits zuvor gute 40 Jahre Whiskey hergestellt haben, illegal natürlich, was seinerzeit ja nicht ungewöhnlich war. Dieser Brenner-Start fand also immerhin noch mehr als 100 Jahre nach jenem mysteriösen Jahr 1608 statt. Wie also kam jemand in dieser erst 1896 in Old Bushmills umbenannten Brennerei auf die Idee zu behaupten, gerade die sei „licensed to distil in 1608“? Nun – in jenem Jahr erteilte König James I. von England seinem Gouverneur Sir Thomas Phillips die Erlaubnis, Lizenzen zum Destillieren von „aquavite, usquabagh or aqua composita“ in der Region Coleraine zu vergeben, gelegen in der nordirischen Provinz Ulster, wo heute noch – in der Grafschaft Antrim – das Städtchen Bushmills zu finden ist. Dass noch im gleichen Jahr solche Lizenzen auch in den irischen Regionen Galway, Munster und Leinster vergeben wurden, ignorierten die „Bushmillers“ ebenso wie die Tatsache, dass auf der „Grünen Insel“ mindestens vier Brennereien vor der ihren legal in Betrieb waren …

 

Die Geschichte der Destillation auf der Insel mit der turbulenten Vergangenheit (Tipp: der Roman von Leon Uris mit dem Titel „TRINITY – Die große Irland-Saga“) beginnt freilich viel früher. Schon 1170 sollen Soldaten des englischen Königs Henry II. in Irland „Lebenswasser“ entdeckt haben. Aber ob das aus Wein oder Bier erzeugt worden war, blieb ungeklärt. 1316 wurde in dem Werk „Red Book of Ossory“ erklärt, wie Wein zu destillieren sei – der erste schriftliche Beweis dafür, dass das Brennen zu jener Zeit in Irland bereits bekannt war. Erste Opfer forderte der Schnaps auch schon frühzeitig: So ist in den „Annals of four Masters“ nachzulesen, dass am Weihnachtsabend des Jahres 1405 der Herrscher über Moyntyrolas, Richard Magrenell, am übermäßigen Genuss von aqua vitae verstorben sei. 1556 wurde erstmals Gerste als Rohstoff zum Brennen erwähnt und ebenfalls ab diesem Jahr war es laut Gesetz allen Personen außer „peers, gentlemen and the freemen of the larger towns“ verboten, aqua vitae ohne Lizenz des Lord Deputy herzustellen.

 

Mit dieser Urkunde gewährte König James I. 1608 Sir Thomas Phillips of Limavady das Recht, in der Region Coleraine „aquavite, usquabagh or aqua comosita” zu destillieren.
Mit dieser Urkunde gewährte König James I. 1608 Sir Thomas Phillips of Limavady das Recht, in der Region Coleraine „aquavite, usquabagh or aqua comosita” zu destillieren.

Die Bewahrer einer Tradition

Sechs Jahre nach der offiziellen Gründung der Bushmills Distillery, also 1790, stellte Whiskey bereits 66 Prozent aller auf der Insel konsumierten Spirituosen, Rum war mit gut einem Viertel die Nummer 2. Aber noch drei Jahrzehnte lang hatten die illegalen Brennereien im Land die absolute Mehrheit. Erst der 1823 in Schottland erlassene „Excise Act“ brachte auch auf der benachbarten „Grünen Insel“ die Wende, und 20 Jahre später waren im ganzen Land 64 lizenzierte Brennereien in Betrieb, die in diesem Jahr insgesamt rund 5,6 Millionen Gallonen (rd. 25,2 Mio. Liter) Whiskey herstellen. Bushmills hatte an dieser beträchtlichen Menge schon einen gewichtigen Anteil, der im Lauf der Zeit immer größer wurde. Dazu trug zweifellos auch eine wichtige Entscheidung der Verantwortlichen in dieser Brennerei bei: Nachdem in den 1850ern die Malzsteuer auch in Irland eingeführt worden war und die Preise für das Gerstenmalz daraufhin dramatisch anstiegen, änderten zahlreiche Brenner ihre Rezepte und gaben auch ungemälzte Gerste in ihre Maischen. Bushmills hingegen hielt am Whiskey aus reinem Gerstenmalz fest. Dass Irish Whiskey generell auch weiterhin im Höhenflug blieb (die gesamte Produktion wurde von 1823 bis 1900 vervierfacht!) war auch der Reblaus zu verdanken, die in den 1870ern Frankreichs Weinberge erheblich schädigte: wenig Wein = wenig „Brandy“ zum Exportieren!

 

Das 19. Jahrhundert und auch noch in die ersten beiden Jahrzehnte des 20. waren eine harte Zeit für die Iren. Im Norden der Insel befehdeten sich die von Schottland hierher angesiedelten Protestanten und die katholische Urbevölkerung über Generationen, und im restlichen Land machte sich zunehmend Unmut über die seit Jahrhunderten anhaltende englische Besatzung breit. Diese politischen Gegensätze führten immer wieder auch zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Von der Bushmills Distillery ist über derartige Probleme allerdings nichts bekannt. Allerdings wurde diese Brennerei 1885 durch einen Großbrand komplett zerstört. Doch die Eigentümer errichteten nahezu umgehend eine neue Destillerie, die 1896 umbenannt wurde in Old Bushmills Distillery. Zwei Jahre später stürzte der Irish Whiskey ¬ schlimmer noch als der Scotch – durch den spektakulären Bankrott der schottischen Pattisons Blending Company ab. Inwiefern auch Old Bushmills davon betroffen war, lässt sich nicht feststellen. Das liegt wie vieles andere im Dunkel der Geschichte, weil im Zweiten Weltkrieg Bushmills Hauptquartier in Belfast und damit auch das gesamte Archiv zerstört wurde. Immerhin ist dank vieler Veröffentlichungen doch überliefert, dass 1890 das firmeneigene Dampfschiff „S.S. Bushmills“ zur Jungfernfahrt über den Atantik ablegte, um Amerika und danach auch Singapur, China und Japan mit diesem Whiskey zu beliefern.

 

Der von 1916 bis 1921 dauernde Irische Unabhängigkeitskrieg führte letztlich dazu, dass Nordirland aus dem Freistaat Irland austrat und somit weiterhin britisches Staatsgebiet blieb. Dieser Krieg kostete den irischen Whiskey schließlich auch seine wichtigsten Märkte. Die Prohibition in den USA von 1920 bis 1933 brachte ihn weiter ins Abseits, weil es die Iren ganz im Gegensatz zu Schotten und Kanadiern versäumten, die US-Gesetze mit Schmuggelware zu umgehen.

 

So wurde 1964 in der irischen Presse über die Übernahme der Old Bushmills Distillery durch die United Breweries Group berichtet.
So wurde 1964 in der irischen Presse über die Übernahme der Old Bushmills Distillery durch die United Breweries Group berichtet.

Hürden auf dem Erfolgsweg

Optimistisch zeigte sich in dieser schwierigen Zeit jedoch der Belfaster Wein- und Spirituosenhändler Samuel Wilson Boyd. Er ahnte oder hoffte zumindest, dass diese Prohibition nicht dauerhaft sein würde, kaufte 1923 die Old Bushmills Distillery und erhöhte zudem die offenbar reduzierte Produktion. Als der amerikanische Markt wieder zugänglich war, ging es auch mit dieser Traditionsmarke wieder beständig aufwärts. Zu bereits früher vergebenen kamen immer wieder neue Auszeichnungen hinzu – der Whiskey aus dem Städtchen am River Bush im County Antrim nahe der UNESCO-Weltkulturerbe-Stätte Giant´s Causeway war beliebt wie nur wenige andere seiner Gattung.

 

Vermutlich hatte aber auch Old Bushmills Absatzrückgänge in den USA, als die Prohibition in jenem wichtigen Markt nach 13 Jahren – wenn auch mit regionalen Ausnahmen – aufgehoben wurde. Denn während dieser „trockenen Zeit“ hatten dort viele Schwarzbrenner auf den Schwarzmärkten üblen Fusel als „Irish Whiskey“ angeboten, weil dieser bis dahin jenseits des Atlantiks besonders gefragt war. Das hatte den Ruf des echten Irish auf Jahre hinaus schwer geschädigt. Das war freilich noch nicht das Ende der Probleme: The Old Bushmills Distillery musste während des Zweiten Weltkriegs ihre Produktion einstellen, weil alliierte Truppen in der Brennerei einquartiert wurden. Als dann auch noch das in Belfast ansässige Hauptquartier durch eine deutsche Bombe zerstört wurde und das Archiv komplett verloren ging, konnte es eigentlich nur noch wieder bergauf gehen …

 

In den 1950ern wurde die Produktion wieder aufgenommen, und bis ins darauffolgende Jahrzehnt wurde Bushmills Whiskey zunehmend populär. Die Exporte, vor allem in die USA, schossen förmlich in die Höhe. Das reizte natürlich potenzielle Investoren, und so war denn auch am 17. Juli 1964 im Belfaster „News Letter“ zu lesen, dass Old Bushmills für eineinhalb Millionen Pfund von der Charrington United Breweries Group übernommen worden sei. Das war freilich nur ein weiterer Eigentümerwechsel. Schon 1972 trat die Old Bushmills Distillery in die Irish Distillers Group ein, zu der sich 1966 die drei „Überlebenden“ Jameson, Power und Cork Distillers zusammengeschlossen hatten. Dieser Viererbund konnte aber aus eigener Kraft im Markt nicht auf die Beine kommen, und daher setzte eine regelrechte „Übernahmeschlacht“ zwischen Guinness, Allied Lyons, Grand Metropolitan und Pernod Ricard ein, aus der die Franzosen schließlich als Sieger herausgingen. Das war 1987.

 

Old Bushmills prominenter Master Distiller heißt Colum Egan.
Old Bushmills prominenter Master Distiller heißt Colum Egan.

Unter deren Dach blieb die nordirische Whiskeybrennerei dann immerhin 18 Jahre lang. Dann verkaufte Pernod Ricard die Old Bushmills Distillery an Diageo, für 200 Millionen Pfund Sterling. Unter diesem Eigentümer wurde modernisiert und die Produktion deutlich erweitert – obwohl der Irish Whiskey mehr und mehr vom Scotch Single Malt „in die Ecke gedrängt“ wurde. Umso erstaunter war die Branche, als 2014 bekannt wurde, dass Diageo seine sehr erfolgreiche Old Bushmills Distillery an die mexikanische Brennereigruppe Casa Cuero verkaufen wolle.

 

Helen Mulholland ist Master Blender der Old Bushmills Distillery.
Helen Mulholland ist Master Blender der Old Bushmills Distillery.

Beharrlichkeit zahlt sich aus

Warum das denn? Schließlich hatte der britische Konzern viel Geld in diese nordirische Brennerei im britischen Nordirland investiert, und die dortigen Verantwortlichen waren flott auf der Erfolgsstraße marschiert. Sie hielten und halten noch immer am Bewährten fest, sei das die dreifache Destillation, sei es das Pot Still-Verfahren. Nach Midleton soll Old Bushmills mit einer jährlichen Produktionskapazität von gut viereinhalb Millionen Litern die zweitgrößte Brennerei auf der „Grünen Insel“ sein. Gebrannt wird in zehn großen Pot Stills an sieben Tagen in der Woche, auch die Mash Tun aus Edelstahl hat keinen „Ruhetag“. Entgegen aller Tradition sind auch die Washbacks aus Edelstahl und nicht etwa aus Holz. Die gelungene Kombination aus Tradition und Fortschritt ist zweifellos ein Geheimnis des Erfolgs.

 

Was also hat Diageo bewogen, diesen funkelnden Diamanten zu verkaufen? Ganz einfach – es war ein Gegengeschäft. Dem britischen Konzern gehörten bereits 50 Prozent der Tequila-Marke, und mit diesem gut 400 Millionen Dollar teuren Geschäft sicherte er sich auch die andere Hälfte: Irish Whiskey versus Tequila – einem irischen Patrioten kamen da sicherlich die Tränen.

 

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