NAS Whiskys

Alles nur eine Frage des Alters


Sie sind so umstritten wie kaum ein anderer Whiskytyp: all jene Abfüllungen, die nicht mehr mit einem Altersstatement für sich werben, sondern als so genannte NAS Whiskys ohne ein Reifestatus auskommen. Den Traditionalisten unter den Liebhabern sind sie schlicht ein Dorn im Auge. Es sei an der Zeit, dagegen einmal die Stimme zu erheben, meint Heinfried Tacke.

 

Alter kann eine ganz schöne Plage sein. Die Leser, die schon fortgeschrittenen Datums sind, mögen sich ausmalen können, wovon die Rede geht, wenngleich es ihnen nicht gegönnt sei. Wenn die Muskeln erschlaffen, die Sinne nachlassen, die Kraft schwindet und das Aussehen zu leiden beginnt, weil man aus der Form gerät, besitzt das Alter keineswegs jene Attraktivität mehr, die man sich wünschen würde. Nur beim Whisky ist natürlich alles anders. Je älter, je besser! Oder? Der Vergleich mag zwar etwas an den Haaren herbeigezogen sein, aber trotzdem die Sinne schärfen für eine Frage, der hier einmal genauer auf den Grund gegangen werden soll. Ist denn in der Tat nur Alter ein Merkmal für guten Whisky? Und sind nur so erstklassige, weil ausgereifte Abfüllungen denkbar? Das wäre es doch, was es zu beweisen gelte.



Faktum „over matured“
Man bedenke dabei: Unter den klimatischen Bedingungen, unter denen herkömmlich der US-Whiskey reift, sei es nun Bourbon, Rye oder Tennessee Whiskey, weiß man nur zu gut, dass diese Whiskeys auch „over matured“ sein können. Zu lange im Fass heißt zumeist zu viele Holznoten. Das schmeckt dann fast nur noch herb und Überladen von Gerbstoffen. Von echtem Genuss kann dabei kaum mehr die Rede sein. Doch noch bezeichnender fand ich unlängst die Bemerkung eines deutschen Independent Bottlers, der zu mir sagte: „Endlich können die Schotten auch junge Abfüllungen.“ Für seine bewusst gewählten Abfüllungen frischer, gleichwohl gut genießbarer Whiskys musste er nach eigenem Bekunden in den ersten Jahren ewig suchen, bis er überhaupt das Gesuchte fand. Heute scheint es möglich zu sein. Es steht offenbar für ein Umdenken in jenem Land, aus denen die edelsten, weil ältesten Whiskys dieser Welt zu kommen scheinen. Damit, so meine ich, halten wir die zwei Enden in den Händen, von denen aus man sich dieser so umstrittenen Altersfrage beim Whisky zu nähern hat: Warum schmecken plötzlich auch junge Tropfen? Und wie wichtig ist am Ende das Alter bzw. die Reife? Vermutlich liegt die Wahrheit darüber ohnehin in der ach so berühmten Mitte. Wir kommen noch dazu.



Die Crux junger Whiskys
Denn auch für junge Whiskys gilt: Sie sind weder per se schlecht noch gut. Wer sich, wie im Falle der neu aufkommenden Whiskynationen, zu denen auch Deutschland gehört, mit vielen eher jungen Abfüllungen beschäftigt, der erlebt häufiger dies: Durch den Einsatz unterschiedlich vorbelegter Reifefässer fassen diese Destillate viele schöne Aromen und doch „zerfällt“ dieser erste Eindruck bei der genaueren Prüfung auf dem Gaumen. Es fehlt ihnen die bindende Kraft. Man vermisst die nötige Statur. Diejenigen Whiskys, die in diesem Falle trotzdem überzeugen, haben zumeist Anteile an jüngeren und älteren Reifestadien. Was nichts anderes zeigt, als dass es bei ihnen einer klugen Komposition bedarf. Womit eben das „Vatting“ in den Blick gerät, sprich die Kunst des Vermählens verschieden gereifter Whiskys zum stimmigen Gesamtgenuss. Deswegen auch findet man so selten gute junge Einzelfassabfüllungen. Sie sind – by the way – die wahren Fundstücke in der heutigen Zeit.



Eine Frage des Mindestalters?
Kann man in Anbetracht dieser Tatsache dennoch von einem Mindestalter ausgehen, mit denen die Liebhaber sicher sein können, eine hohe Qualität ins Glas zu kriegen? Dies ist sicher nicht die alles entscheidende Frage, aber eine, die zeigt, dass man sich auf der falschen Fährte wähnt, wenn man nur ihr blind folgt. Jede gute Abfüllung lebt von der Auswahl bzw. richtigen Vermählung der Fässer. Es ist somit das Geschick des Master Blenders, das am Ende über Wohl und Wehe eines Whiskys regiert. Erfahrung ist hier gefragt. Große Erfahrung sogar, was nicht selten etwas mit Lebensalter zu tun hat, nur selbst das ließe sich wohl kaum verabsolutieren. Denn Fehlgriffe sind hierbei selbst den größten Meistern ihres Faches schon widerfahren. Nicht jede Idee zu einem neuen Whisky gelingt so, wie es vor dem inneren Auge und Schmecken ihrer Macher entstand. Doch hierbei nur auf das Alter der Whiskys zu setzen, überzeugt nicht. Wer schon mal die Gelegenheit hatte, höchst betagte Whiskys über 30, 40 oder gar 50 Jahre direkt aus dem Fass zu probieren, übrigens selbst von schottischer Provenienz, der wird dabei neben ausgeprägten Fruchtnoten zugleich mächtig „auf Holz gebissen“ haben. Die wohlberühmten „Alten Knaben“ sind längst nicht nur lecker. Sie brauchen stets ausgleichende Gegenkräfte.



Wider billige Entschuldigungsgründe
Eine solche Erfahrung lässt einen erahnen, wie schwer es tatsächlich ist, als Master Blender oder Master Distiller über Jahre eine gesicherte Qualität solcher höchst alten Whiskys für seine Brennerei zu gewährleisten. Denn selbst nur 18, 20 oder 25 Jahre alte Whiskys im Portfolio einer Brennerei verlangen nach einem riesigen Reservoir an Fässern, die dies nicht nur als jeweiliges Mindestalter aufweisen, sondern die zugleich in toto für eine immergleiche Qualität über Jahre reichen. Man ahnt ergo das daraus folgende Standardargument. Die fehlenden Bestände angesichts einer weltweit immer gierigeren Nachfrage nach dem Luxusgut Whisky erlauben solche Abfüllungen nicht mehr. Richtig daran ist vor allem, dass der alleinige Run auf alte Whiskys das Problem eher verschärft hat statt es zu lösen. Heißt zugleich: Wir Liebhaber, die wir das immer Exklusivere suchen, tragen eine gehörige Portion Mitschuld an der Gegenbewegung jener „No Age Statement“ Whiskys, die uns so gar nicht nach unserer elitären Mütze sind. Allerdings darf dieser Umstand genauso wenig dafür hergenommen werden, um nun im Umkehrschluss unausgegorene junge Whiskys zu legitimieren. Das wäre m. E. nicht nur eine billige Entschuldigung, wer immer auch auf sie zurückgreift. Noch mehr spottet es nämlich jener Liebhaberei Hohn, die man über so viele Jahre selbst nährte und aufgebaut hat. Zuerst wurden die Blended Whiskys klein geredet, um den Single Malt Whisky groß und stark in der Nachfrage zu machen. Dann drehte man über Jahre an der Altersschraube, so dass man über einen „bloß“ 10-jährigen Single Malt verächtlich die Nase rümpfte. Schon vergessen? Über den jetzigen Aufschrei der derart erzogenen Liebhaber darf man sich also eigentlich nicht wundern. Zum guten Teil ist er hausgemacht.

 

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