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Die Küste der Köstlichkeiten

Unser Autor war schon mehrfach in Irland, aber jedes Mal allein des Whiskeys wegen. Nun hat er die Grüne Insel erneut bereist, dieses Mal, um im Süden und Südwesten einfach nur Land und Leute kennenzulernen. Aber auch dabei stieß er ständig auf das ?Wasser der Lebens?. Ein Reisebericht von Karl Rudolf.
Dem Manne kann geholfen werden! Mein Nachbar aus dem Flieger verspürt nach der Landung Lust auf einen Drink. Auf einen irischen Whiskey, den „aber bitte nicht hier!“ auf dem Cork Airport. Da ich dank Heidi Donelons Tipps gut bestückt bin mit Adressen von empfehlenswerten Pubs, schlage ich The South County Bar & Café vor. Es liegt quasi am Weg, in Douglas Village, einem Vorort von Cork. Tom und Colm O’Connor halten in ihrer Bar eine Auswahl an Irish Whiskey bereit, die ihresgleichen sucht auf der Insel. Der Whiskeyman in diesem public house ist Tom. Er weiß eine Menge zu erzählen über das „uiscebaugh“ und richtete hier in The South County eine sehenswerte „Irish Whiskey Corner“ ein. Ein besserer Platz, um auf irischem Boden den ersten kräftigen Schluck zu nehmen, lässt sich wohl kaum finden, zumal nicht nur diese Whiskeyecke den Charme der Nostalgie verströmt, sondern das ganze Lokal.

Cork, zweitgrößte Stadt der Republik Irland, hat sich ab Ende des 15. Jahrhunderts den Beinamen „Rebel City“ gleich mehrfach verdient. Doch die Corkonians lehnen sich längst nicht mehr gegen Obrigkeiten auf, stattdessen philosophieren, schwadronieren und debattieren sie Mitbürger und Gäste nicht selten in Grund und Boden. Wer Cork besucht, den Verwaltungssitz des gleichnamigen Countys in der Provinz Munster, der muss sich auf tausendundeine Frage nach seiner Herkunft und dem Grund seines Besuchs in Corcaigh gefasst machen, er muss Spaß verstehen, Ironie ertragen und nicht selten skurrile Ansichten über den Gang der Dinge hinnehmen können, ohne die Contenance zu verlieren. Die Einheimischen revanchieren sich mit einer Gastfreundschaft, wie sie heute nur noch selten irgendwo anzutreffen ist.

Die Stadt am River Lee ist zwar nicht gerade gespickt mit Sehenswürdigkeiten, aber ein ausgedehnter Bummel lohnt allemal: Cork hat fast südländisches Flair, die Pub- und Musikszene reicht für Tage, der historische Stadtkern zwischen den beiden Armen des Lee ist ein Fest für die Sinne. St. Finbarr’s Cathedral steht auch bei diesem Aufenthalt wieder auf meinem Programm – das frühgotische Bauwerk ist schließlich dem Heiligen gewidmet, der das Kloster gründete, aus dem letztlich ­diese Stadt erwuchs. Ein Blick nach oben: Der Engel auf der Kirche glänzt noch immer golden – Grund zur Sorge um Erde und Menschheit besteht nach Ansicht der Corkonians erst, wenn er grün angelaufen ist.

Gut, gehe ich also hinter Gitter. Soll heißen, ich begebe mich in den Ortsteil Sunday’s Well und dort in das Cork City Goal, um mir einen Eindruck vom Gefängnis­alltag im 19. Jahrhundert zu machen. Doch vorher fahre ich noch nach Cobh, zum Seehafen von Cork. Dort ankerte am 11. April 1912 die „Titanic“ ein letztes Mal. Über dieses Schiff und über die 1915 von einem deutschen U-Boot versenkte „Lusitania“ informiert im Cobh
Heritage Centre, genauer gesagt, im viktorianischen Bahnhof, eine audiovisuelle Ausstellung.

Cork, die Stadt, war einmal eine Whiskeymetrople. In ihren Mauern gab’s einst mindestens vier Destillerien von Bedeutung: Daly’s, North Mall, The Green und Watercourse. Diese und Murphy’s Distillery im nahen Midleton schlossen sich 1867 zur Cork Distilleries’ Co. Ltd zusammen, die rund ein Jahrhundert später in der Irish Distillers Group aufging. Das County Cork war ein idealer Platz für Brenner: Diese Grafschaft ist eine der Kornkammern Irlands; die Gerste wuchs quasi ­direkt vor der Haustür. Einen Hewitt’s auf die Vergangenheit und einen Paddy’s hinterher: Diese zwei Marken sind in Cork geschaffen worden. Gegen den Durst wird zuerst ein Beamish bestellt, dann ein Murphy’s. Beide Biere werden in Cork gebraut, sind aber längst in ausländischer Hand: Beamish in der von Heineken, Murphy’s in der von Scottish & Newcastle. Die eine Hälfte der Corkonians bevorzuge die eine Marke, die andere greife zur anderen, hat einmal ein Einheimischer gesagt und den Satz angehängt: „Der Rest trinkt Guinness.“ Bei diesem Lehrstück Cork’scher Prozentrechnung blieb eine kleine feine örtliche Marke außen vor: Die Franciscan Brewery im Stadtteil Shandon braut ein vorzügliches Bier.